27 Juli 2021 20:00Uhr


2 Violinen, Laute & b.c.

Pia Grutschus, Christine Rox, Johannes Vogt, Matthias Bergmann


LIVE STREAM aus St.Sebastian, Mannheim

Barockmusik der Heidelberger/Mannheimer Hofkapelle um 1720 und ihr Kontext. Werke von Weiss, Finger, Schmelzer, Corelli, Couperin, Purcell. Live-Stream aus St.Sebastian, Mannheim, von 1720 bis 1731 Hofkirche Kurfürst Carl Philipps.


CHRISTINE ROX (Heidelberg) wurde in Bochum geboren und erhielt ihren ersten Violinunterricht mit fünf Jahren. Nach frühen Wettbewerbserfolgen beim Max-Rostal-Wettbewerb in Bern, dem Concours Jacques Thibaud in Paris und beim Deutschen Musikwettbewerb schloss die Geigerin ihr Violinstudium bei Igor Ozim an der Musikhochschule Köln mit dem Konzertexamen ab. Ihre Begeisterung für Kammermusik wurde durch ein Stipendium des DAAD gefördert, das sie für zwei Jahre an das Cleveland Institute of Music führte. Immer auf der Suche nach neuen und ungehörten Klängen, interessiert sie sich sowohl für die Möglichkeiten historischer Aufführungspraxis als auch für Interpretationsansätze neuer Musik. Engagements führten sie zu Formationen wie dem Ensemble Modern und Musica Antiqua Köln. Außerdem ist sie Gründungsmitglied des Ensembles Alte Musik Köln. In den vergangenen Jahren trat sie nicht nur in zahlreichen europäischen Ländern auf, sondern auch in den USA und in Asien.

MATTHIAS BERGMANN (Mannheim) studierte in München, Lübeck und Frankfurt modernes und historisches Violoncello sowie Viola da Gamba in Frankfurt, Bremen und Basel, u.a. bei Hille Perl und Paolo Pandolfo. Er ist Solocellist im Orchester des Pfalztheater Kaiserslautern und arbeitet daneben regelmäßig mit einer Reihe weiterer Orchester, Opernhäuser und Ensembles zusammen, darunter Konzerthausorchester Berlin, Freiburger Barock Consort, Staatsoper Stuttgart, il Gusto Barocco Stuttgart, Nationaltheater Mannheim. Er konzertiert als Cellist und Gambist bei diversen Festivals, darunter Bachfest Leipzig, Musikfest Stuttgart, Heinrich Schütz Musikfest und Schwetzinger SWR Festspiele, und wirkte bei zahlreichen CD- und Rundfunkproduktionen mit.

PIA GRUTSCHUS (Mannheim) „besticht mit durchscheinender Klarheit und schwereloser Leichtigkeit des Spiels“.

Die Vielseitigkeit der klassischen Musik bezüglich Repertoire und Besetzung hat sie schon immer fasziniert und spiegelt sich heute in ihrem Beruf als Orchestermusikerin, Kammermusikpartnerin, Solistin und Pädagogin wieder. Trotzdem hat sie sich nach ihrem Violinstudium bei Susanne Rabenschlag in Mannheim auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis spezialisiert und ist unter anderem Konzertmeisterin beim La Folia Barockorchester, mit dem sie mit großem Erfolg unter anderem in der Berliner und Kölner Philharmonie, im Herkulessaal München, in der Laeiszhalle Hamburg, im Stadtcasino Basel, sowie den Musikvereinen Graz und Wien und vielen nationalen und internationalen Festivals auftritt.

Regelmäßige musikalische Zusammenarbeiten verbinden sie mit unterschiedlichsten Instrumenta­listen und Sängern wie Hille Perl, den Wiener Sängerknaben, Robin Johannsen, Regula Mühlemann, Mahan Esfahani und Jan Vogler, Dorothee Oberlinger, Dorothee Mields, Anna Prohaska, Maurice Steger und Stefan Temmingh.

JOHANNES VOGT (Heidelberg) studierte klassische Gitarre und Musikwissenschaft in Heidelberg, anschließend Laute und klassische Gitarre bei Tadashi Sasaki in Aachen, ehe er sich auf Lauten, Theorben und historische Gitarren spezialisierte. Er geht einer regen Konzerttätigkeit nach und wirkt bei zahlreichen CD-Produktionen mit. Diese umfassen Musik aus Mittelalter, Renaissance, Barock und Klassik, aber auch improvisierte Musik. Er legt sein Augenmerk besonders auf das Generalbaßspiel und wirkt bei Barockopern als Lautenist und bei modernen Opern als E-Gitarrist mit. Johannes Vogt unterrichtete von 1992 bis 1999 Laute und Generalbaßspiel an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim, von 1998 bis 2001 hatte er einen Lehrauftrag für Gitarre an der Fachhochschule für Musiktherapie Heidelberg inne.

Programm


Gottfried Finger (um 1660 - 1730)

Sonata op.1 Nr.4 in B für 2 Violinen und b.c.: [Allegro] - Adagio - Presto

Johann Heinrich Schmelzer (1623 – 1680)

Sonatina IV in c für 2 Violinen und b.c. aus Duodena Selectarum Sonatorum

Arcangelo Corelli (1653 - 1713)

Sonate op. 2 Nr. 12 in G für 2 Violinen und b.c.: Ciacona: Largo - Allegro


Johann Sigismund Weiss (1690 – 1737)

Concerto in c für Laute, 2 Violinen und Bass: Grave, Adagio, Allegro, Adagio – Presto – Adagio - Vivace


François Couperin (1668-1733)

Triosonate in B "La Steinquerque":

Bruits de Guerre: Gayement - Gravement – Légerement – Mouvement de Fanfares - Lentement - Gravement - Gayement - Lentement

Henry Purcell (1659-1685)

aus 10 Sonatas in 4 parts: Nr. 6 in g:  Adagio

Gottfried Finger (um 1660 - 1730)

Sonata op.1 Nr.5 in F für 2 Violinen und b.c.: [Allegro] - Adagio - [Allegro]


Im Zentrum des Programms steht das Konzert für Laute, 2 Violinen und Bass von Johann Sigismund Weiss (1690-1737). Weiss war schon Musiker in der Hofkapelle von Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz in Düsseldorf. Dessen Nachfolger Carl Philipp übernahm Weiss als Konzertmeister und holte ihn so zunächst nach Heidelberg und später nach Mannheim. Johann Sigismund Weiss galt - wie sein noch berühmterer Bruder Sylvius Leopold - als hervorragender Lautenvirtuose und soll „über diß ein vortrefflicher Gambist und Violinist und Componist“ gewesen sein. Leider sind nur sehr wenige seiner Kompositionen erhalten, darunter Sonaten für Flöte bzw. Oboe und basso continuo, die schon in vergangenen Konzerten dieser Reihe vorgestellt wurden. Das Lautenkonzert bietet einen Eindruck, wie Weiss für sein eigentliches Hauptinstrument komponierte: überaus virtuos und brillant.


Gottfried Finger (um 1660-1737), wie Weiss Konzertmeister in Carl Philipps Hofkapelle, war besonders als Gambenvirtuose bekannt, aber auch als Komponist sehr erfolgreich. Finger stammte ursprünglich aus dem mährischen Olmütz, lebte aber Ende des 17.Jh. mehrere Jahre in London, wo auch sein Opus 1 erschien, das Kammermusiken für verschiedene Streicher-Besetzungen enthält, darunter Triosonaten für 2 Violinen und basso continuo, von denen zwei hier Eröffnung und Schluss des Konzerts bilden.


Man nimmt an, dass Fingers erster Kompositions- (und Gamben-!)Lehrer der berühmte Geiger Heinrich Ignaz Franz Biber war. Biber wiederum war Schüler von Johann Heinrich Schmelzer (1623-1680), der einer der wichtigsten österreichischen Geiger und Komponisten des 17.Jh. und Kapellmeister am Wiener Kaiserhof Leopolds I. war. Schmelzers Sonatina IV aus der Sammlung Duodena Selectarum Sonatorum von 1659 zeigt deutlich, wie sehr Fingers Musiksprache von seiner habsburgischen Herkunft geprägt wurde.


Mindestens genauso wichtig war der italienische Einfluss: Finger war eifriger Sammler italienischer Musik, der Großteil der Partituren seiner privaten Londoner Notenbibliothek stammt aus Italien, möglicherweise von einer Italienreise Fingers um 1698. Neben Legrenzi, Bononcini, Bassani, Torelli und vielen anderen, befanden sich auch mehrere Bände von Arcangelo Corelli (1653-1713) in Fingers Bibliothek, darunter auch gedruckte und handschriftlich kopierte Triosonaten für 2 Geigen und basso continuo – möglicherweise auch die Ciacona in G-Dur aus Corellis 1685 gedruckten Opus 2.


Bemerkenswert ist, dass sich auch 6 Sonaten eines „Mons. Couperain“ in Fingers Notensammlung befanden. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Abschrift der 6 frühen Sonaten von François Couperin (1668-1733), die Finger in den 1690er Jahren bei einem Aufenthalt am Hofes seines exilierten Dienstherren König James II. in der Nähe von Paris erworben haben könnte. In England sind Couperins Werke zu dieser Zeit sonst nicht nachweisbar. La Steinquerque, die vierte dieser 6 frühen Sonaten, ist die Beschreibung der gleichnamigen Schlacht im pfälzischen Erbfolgekrieg: Man hört Kriegslärm und Fanfaren, Euphorie und Jubel der siegreichen Franzosen, dazwischen aber auch Trauer und Klage über die große Zahl an Toten auf beiden Seiten.


Auch der große englische Komponist Henry Purcell (1659-1685) findet sich mit einer seiner 10 Sonatas in 4 parts in Fingers Notenbibliothek. Mit Purcell verband Finger auch eine persönliche Freundschaft. Eine Trauermusik, die Finger anlässlich des frühen Todes Purcells komponierte, ist leider verschollen.

Besonders interessant an der 6. Sonate ist, dass sich Purcell hier desselben Bassmodells bedient, das auch Finger in seinen Divisions in g für Viola da Gamba und b.c. benutzt hatte, die wir im ersten Konzert dieser Reihe präsentiert hatten. Das Bass-Ostinato stammt ursprünglich von der italienischen Arie Scocca pur des französischen Komponisten Jean Baptiste Lully. Anders als Finger, der in seinen Divisions die implizierte Harmoniefolge des Basses durchgehend beibehält und sich auf melodische Variationen beschränkt, reizt Purcell alle harmonischen Möglichkeiten aus und entfernt sich in kühnen Wendungen immer weiter von der ursprünglichen Tonalität, bis seine Chaconne wieder nach g-moll zurückfindet und endet, als wäre nichts gewesen.