Barockmusik der Heidelberger/Mannheimer Hofkapelle um 1720 und ihr Kontext. Werke von Greber, Finger, Händel, Corelli, Purcell.

Foto Sven Czichowicz

Michael Schneider versteht sich als Musiker in einem umfassenden Sinne:

Als Block- und Traversflötist konzertiert er seit vielen Jahren weltweit solistisch und mit seinem Kammermusikensemble CAMERATA KÖLN. Als Leiter seines Barockorchesters LA STAGIONE FRANKFURT und als Gastdirigent anderer Orchester führt er Opern, Oratorien und sinfonische Literatur aus Barock Frühklassik und Klassik auf.

Als Professor wirkte Michael Schneider v. 1983 bis 2019 an der Hochschule für Musik und Dstd. Kunst Frankfurt/M, wo er neben seiner Blockflötenklasse das Institut „Historische Interpretationspraxis“ mit einem eigenen Master-Studiengang leitete.

Mehr als 100 CD-Einspielungen aus allen genannten Bereichen (darunter fast das gesamte barocke Repertoire für Blockflöte) belegen seine künstlerische Arbeit. In Kürze wird mit eine insg. 16 Cds umfassende Gesamtaufnahme sämtlicher Concerti Telemanns mit Blasinstrumenten (cpo) abgeschlossen werden. Ebenfalls beim Label cpo erschien 2017 eine „Anthologie des barocken Blockflötenkonzerts“ mit 6 Cds (darunter sämtlichen Concerti von Vivaldi, Telemann und A. Scarlatti) .

Im Jahr 2000 wurde Michael Schneider von der Stadt Magdeburg der „Telemann-Preis“ für seine Verdienste um das Werk dieses Komponisten verliehen.



Annette Schneider spielt Barockcello in verschiedenen Ensembles. Als Gründungsmitglied der Orchester „La Stagione Frankfurt“ sowie „Cappella Academica“ wirkte sie bei über 50 CD-Produktionen mit Musik aus Barock und Klassik mit, und auch im Bereich der Kammermusik dokumentieren viele CDs ihre musikalisches Schaffen.

Die Viola da gamba kam später hinzu, und seit neuestem wurde die klangliche Palette noch durch die Diskantgambe erweitert.


Sabine Bauer ist von Anbeginn Mitglied der Ensembles "Camerata Köln" und "La Stagione Frankfurt" und wirkte bei Konzerten im gesamten europäischen Raum sowie in Nord- und Südamerika mit.

Mit beiden Ensembles entstanden zahlreiche CD- Produktionen. Solistisch ist sie unter anderem mit den CD- Einspielungen der Cembalokonzerte von G. M. Monn, C. Fr. Abel und Georg Benda sowie den Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach zu hören. Konzerte und Aufnahmen auch mit "Musica Antiqua Köln". Mit dem Baßbariton Gotthold Schwarz pflegt sie als Cembalistin und Hammerflügelspielerin das Liedrepertoire der Klassik und frühen Romantik.

Sabine Bauer ist Dozentin für Cembalo, Kammermusik und Generalbaß an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M. und an der Akademie für Tonkunst Darmstadt.

Programm


Georg Friedrich Händel (1685-1759) 

Sonate D-Dur HWV 378 für Blockflöte und Bc Adagio-Allegro--Adagio-Allegro


Geoffrey (Gottfried) Finger (um 1660 - 1730) 

Sonate G-Dur für Blockflöte und Bc


Henry Purcell (1659-1685)

„Ground“ e-moll für Cembalo


Gottfried Finger

Sonate G-Dur für Diskantgambe und Bc


Sonate d-moll für Blockflöte und Bc


Jakob Greber (ca.1680-1731)

Sinfonia C-Dur für Blockflöte und Bc



Arcangelo Corelli (1653-1713)

Sonate op V Nr.12 „La Follia“  g-moll (Ed. Walsh 1702 London)




Gottfried Finger gehört zu den großen Heimatlosen unter den Komponisten.

Das betrifft einerseits sein  Jahrhundert und seinen Stil, aber auch seinen beruflichen Lebensweg.

Geboren wurde er in Olmütz (Mähren) um 1660, also noch mitten im 17. Jhdt. (Sein Geburtsjahr teilt er mit Alessandro Scarlatti, der in ähnlicher Weise „zwischen den Zeiten“ steht.)

1685 (also im Geburtsjahr J.S.Bachs, Händels und Domenico Scarlattis) geht Finger nach England und adaptiert seine Schreibweise in einem solchen Maße an sein Gastland, dass seine Musik geradezu idealtypisch erscheint für Melodik und Rhythmik des „englischen Stils“, wie er nicht zuletzt in dieser Zeit durch die Brüder Henry und Daniel Purcell repräsentiert wurde.

Finger fühlt sich letztlich von England enttäuscht und kehrt zurück auf den Kontinent, zunächst 1702 nach Berlin als Kammermusiker von Königin Sophie Charlotte, sodann ab 1707 Innsbruck.

Ab 1717 ist er dann als Konzertmeister und Kammerrat in der kurpfälzischen Kapelle tätig, also eben derjenigen Institution, die nur wenige Jahre später mit der sog. „Mannheimer Schule“ die stilistische Avantgarde diesseits der Alpen anführen sollte.

Blockflötisten und Gambisten sind besonders dankbar über die Werke Fingers, in denen die gesamte stilistische Spanne der sog. Barockmusik gespiegelt ist.

In seiner langjährigen Wahlheimat England vollzog sich (allerdings erst nach seinem Weggang) mit der Ankunft Georg Friedrich Händels und des geradezu unbeschreiblichen Erfolgs der Musik Arcangelo Corellis ein gänzlich anderer Stilwandel als in der Kurpfalz.

 

Der andere in unserem Programm repräsentierte Musiker der „ersten Stunde“ der Mannheimer Kapella, Jakob Greber, ging offenbar ähnliche Lebenswege wie Finger.

Wir wissen nicht, wo er geboren wurde, aber wohl in deutschen Landen.

Seine Ausbildung scheint er aber in Italien genossen zu haben. Er wird später fast immer Giacomo Greber genannt.

Ab 1703 ist er ebenfalls in London nachweisbar, geht aber auch wie Finger über Innsbruck zurück in deutschsprachliche Lande und wird dann Kapellmeister in Mannheim.

Seine Sinfonia für Blockflöte und Bc, aufbewahrt in der Santini-Bibliothek in Münster/Westfalen, ist ein etwas rätselhaftes Einzelwerk, das stilistisch ebenso wie Fingers Musik „zwischen den Zeiten“  steht.

 

Unser Programm spiegelt die angesprochenen stilistischen Einflüsse, wie sie um 1720 wirksam waren, als sich die Mannheimer Kapelle gründete.

14 November 2020 20:00Uhr

Blockflöte & b.c.

Michael Schneider, Annette Schneider, Sabine Bauer

LIVE STREAM aus St.Anna, Heidelberg