31 Juli 2021 19:00Uhr

Violine / Viola da Gamba senza basso


Pia Grutschus, Matthias Bergmann


St.Anna, Heidelberg 

Musik für Violine senza basso und Viola da Gamba senza basso - von Kremsier und Salzburg über Mannheim und London nach Weimar - von Biber über Finger und Kühnel zu den Sonaten und Partiten für Violine und den Suiten für "Viola de Basso" von Johann Sebastian Bach. Live-Konzert in der 1717 fertiggestellten St.Annakirche, Plöck 4, Heidelberg.


WICHTIG: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen!

Melden Sie sich bitte rechtzeitig per E-Mail an (rhein-neckar-barock@web.de) und teilen uns Name, Anschrift und Impfstatus mit und ob Sie einzeln oder zusammen sitzen möchten. Zuschauer ohne Impfzertifikat bitten wir um einen tagesaktuellen Schnelltest. Über die weiteren dann gültigen Hygienemaßnahmen informieren wir Sie kurzfristig vor dem Konzert.

Den Eintrittspreis bestimmen sie selbst - pay what you want!


Die Pirmasenser Geigerin Pia Grutschus „besticht mit durchscheinender Klarheit und schwereloser Leichtigkeit des Spiels“.
Die Vielseitigkeit der klassischen Musik bezüglich Repertoire und Besetzung hat sie schon immer fasziniert und spiegelt sich heute in ihrem Beruf als Orchestermusikerin, Kammermusikpartnerin, Solistin und Pädagogin wieder. Trotzdem hat sie sich nach ihrem Violinstudium bei Susanne Rabenschlag in Mannheim auf dem Gebiet der historischen
Aufführungspraxis spezialisiert und ist unter anderem Konzertmeisterin beim La Folia Barockorchester, mit dem sie mit großem Erfolg unter anderem in der Berliner und Kölner Philharmonie, im Herkulessaal München, in der Laeiszhalle Hamburg, im Stadtcasino Basel,
sowie den Musikvereinen Graz und Wien und vielen nationalen und internationalen Festivals auftritt.
Regelmäßige musikalische Zusammenarbeiten verbinden sie mit mit unterschiedlichsten Instrumentalisten und Sängern wie Hille Perl, den Wiener Sängerknaben, Robin Johannsen, Regula Mühlemann, Mahan Esfahani und Jan Vogler, Dorothee Oberlinger, Dorothee Mields, Anna Prohaska, Maurice Steger und Stefan Temmingh.

Matthias Bergmann studierte in München, Lübeck und Frankfurt modernes und historisches Violoncello sowie Viola da Gamba in Frankfurt, Bremen und Basel, u.a. bei Hille Perl und Paolo Pandolfo.

Er lebt in Mannheim und ist Solocellist im Orchester des Pfalztheater Kaiserslautern.

Daneben arbeitet er regelmäßig mit einer Reihe weiterer Orchester, Opernhäuser und Ensembles zusammen, darunter Konzerthausorchester Berlin, Freiburger Barock Consort, Staatsoper Stuttgart, il Gusto Barocco Stuttgart, Nationaltheater Mannheim.

Er konzertiert als Cellist und Gambist bei diversen Festivals, darunter Bachfest Leipzig, Musikfest Stuttgart, Heinrich Schütz Musikfest und Schwetzinger SWR Festspiele, und wirkte bei zahlreichen Rundfunkproduktionen mit.

Programm


Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) 

Suite 4 BWV 1010 aus Sechs Suonaten pour le Viola de Basso (Transkription für Viola da Gamba):
Prélude – Allemande – Courente – Sarabande – Bourrée I, Bourrée II -Gigue


Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 - 1704)

Sonate 16 aus Rosenkranzsonaten: Passagallia

Gottfried Finger (um 1660 – 1730)

Prelude in e
August Kühnel (1645 – 1700) 

Partita 12 in e aus Sonate o Partite
Allemande – Corrente – Sarabande – Giga


Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) 

Sonate 1 g-moll BWV 1001 aus Sei Solo a Violino senza Basso
Adagio – Fuga – Siciliana – Presto




Die Suiten für Violoncello senza basso und die Sonaten und Partiten für Violine senza basso von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zählen zu den herausragenden Meisterwerken des Geigen- und Cellorepertoires. Beide Sammlungen entstanden wahrscheinlich in Bachs Weimarer Zeit, d.h. vor 1717.


Die Cellosuiten sind die ersten solistischen Kompositionen dieser Art für Violoncello überhaupt. Einiges an ihnen ist rätselhaft. Da ein Autograph nicht überliefert ist, wurde sogar angezweifelt, ob sie tatsächlich von Bach geschrieben wurden oder ob nicht vielmehr Anna Magdalena, Bachs zweite Frau, von deren Hand ein wichtiges Manuskript der Suiten erhalten ist, die eigentliche Komponistin sei. Während Johann Sebastians Urheberschaft heute kaum noch ernsthaft angezweifelt wird, wird weiter über die Frage diskutiert, für welches Instrument sie komponiert wurden. Mehrheitlich geht die Wissenschaft heute davon aus, dass Bach ein Instrument im Sinn hatte, das an der Schulter – da spalla - gespielt wurde; also ein deutlich kleineres Instrument als ein heutiges, modernes Violoncello, das eine eher geigerische Spieltechnik erforderte. Innerhalb der 6 Suiten bilden die ersten 3 Suiten eine homogene Einheit und scheinen zur gleichen Zeit und für dasselbe Instrument konzipiert. Die letzten 3 Suiten sind heterogener: die 6.Suite verlangt ein 5-saitiges Instrument; bei der 4. und 5.Suite deutet dagegen einiges darauf hin, dass sie Bearbeitungen von Suiten sind, die ursprünglich für ein anderes Instrument komponiert wurden .

Eine hypothetische Gamben-Urfassung der 4. und 5.Suite ist nicht nur aus klanglichen und stimmführungs-technischen Gründen plausibel, sondern stellt die beiden Suiten auch in eine – gerade im damaligen Weimar – etablierte Tradition der solistischen Gambensuite. Mit August Kühnel (1645 – ca.1700) wirkte in der Weimarer Hofkapelle kurz vor Bachs Weimarer Zeit nämlich ein bedeutender Gambist, dessen 1698 gedruckten Sonate e Partite auch 4 Suiten im französischen Stil mit basso continuo ad libitum enthalten – die also auch senza basso gespielt werden können. Kühnel erhielt einen Teil seiner Ausbildung in Paris und lernte dort ohne Zweifel das reiche französische Gamben-Repertoire kennen, das zur damaligen Zeit v.a. aus solistischen Suiten bestand.

In den 1680er Jahren sind mehrere Konzerte in Deutschland und England belegt, in denen Kühnel gemeinsam mit Gottfried Finger (ca.1660-1737) auftrat, dem späteren Heidelberger/Mannheimer Konzertmeister Kurfürst Carl Philipps. Viele Werke Fingers sind leider verschollen. Das Prelude in e ist die einzig erhaltene solistische Gambenkomposition Fingers senza basso. Es fügt sich nahtlos in Kühnels Partita 12 in e ein und zeigt so die Gemeinsamkeiten der musikalischen Sprachen Fingers und Kühnels.


Bachs Sonaten und Partiten für Violine senza basso sind zum Glück weniger rätselhaft als seine Cellosuiten: Es existiert ein Autograph und auch die Instrumentenfrage ist eindeutig, denn die (barocke) Geige hatte ihre Idealform im Wesentlichen schon einige Generationen vor Bach erreicht. Sucht man nach möglichen Vorbildern für solistische Violinmusik ohne continuo, stößt man unweigerlich auf zwei Geiger: Johann Paul von Westhoff (1656-1705), der ab 1699 ebenfalls als Kammermusikus am Weimarer Hof angestellt war und 1696 6 Suiten für Violine senza basso veröffentlichte, sowie Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704). Bibers Passagallia ist die letzte seiner „Rosenkranzsonaten“, deren Entstehung vor 1680 angenommen wird. Der traditionelle Rosenkranz besteht aus nur 15 Geheimnissen. Die Passagallia an 16.Stelle, ganz am Ende der Sammlung, ist daher dem Schutzengel gewidmet - und vielleicht deshalb ohne Begleitung eines (das Irdische verkörpernden) Basses komponiert. Diese Sonate ist (abgesehen von einem nur 9-taktigen Prelude, das John Walsh 1705 in London unter Bibers Namen publizierte) Bibers einziges erhaltenes Werk für Violine senza basso. Ob Bibers Musik über seinen Schüler Gottfried Finger und dessen Freund August Kühnel den Weg nach Weimar fand, wo sie Westhoff und Bach zu ihren Werken für unbegleitete Violine inspiriert haben könnte, ist nicht belegt - aber auch nicht ausgeschlossen.


Bachs 3 Violin-Partiten sind – wie seine Cellosuiten und die Suiten Westhoffs – in der ursprünglich französischen Suiten-Form aufgebaut, bestehen also aus stilisierten Tanzsätzen. Die 3 Sonaten folgen dagegen der italienischen Form der Sonata da chiesa. Die g-moll-Sonate ist ein Musterbeispiel dieser viersätzigen Form: einem einleitenden langsamen Satz schließt sich unmittelbar eine geradtaktige, äußerst virtuose Fuge an, die die Möglichkeiten der Mehrstimmigkeit auf der Geige voll ausschöpft, gefolgt von einer langsamen Siciliana und einem ungestümen Presto in ungeradem Metrum als Schlusssatz.